500 Jahre Reformation - eine kritische Bilanz Symposium anlässlich des Reformationsjubiläums 2017 Samstag, 29. April 2017 in Nürnberg, Marmorsaal  
© Gesellschaft für kritische Philosophie/Humanistische Akademie Bayern 2017

Programm

Ablauf

  Uhrzeit   Programmpunkt   10.00       Begrüßung   10.15       Prof. Dr. Anton Grabner-Haider (Graz):                  Martin Luther Leben und Werk   11.00       Prof. Dr. Harald Seubert (Basel):                  Luther und die Schweizer Reformatoren   11.45       Kaffeepause 1   12.15       Dr. Volker Mueller (Falkensee b. Berlin):                  Luther und die Reformation im Spiegel der Aufklärung   13.00       Mittagspause   14.15       Dr. Gerhard Engel (Hildesheim):                  Nürnberg, Luther  und die Wirtschaftsethik   15.00       Prof. Dr. Armin Pfahl-Traughber (Brühl):                  Luthers Antisemitismus und der NS-Antisemitismus im Vergleich   15.45       Kaffeepause 2   16.15       Dr. Dr. Joachim Kahl (Marburg):                  Die Reformation im Lichte eines weltlichen Humanismus   17.00       Podiumsdiskussion mit den Referenten                                                               18.00       Ende der Veranstaltung Nach jedem Vortrag sowie im Rahmen der Podiumsdiskussion besteht für die Teilnehmenden Gelegenheit, Fragen zu stellen und Diskussionsbeiträge zu äußern.

Themen

Martin Luther – Leben und Werk Prof. Dr. Anton Grabner-Haider Nach einer kurzen Biographie wird vor allem die geistige Entwicklung des Reformators dargestellt; er wird im Kontext seiner Zeit und Kultur gesehen. Als Augustinermönch verteidigte er bis zu seinem Lebensende die Lehre des Theo- logen Aurelius Augustinus von der Erbsünde und der göttlichen Prädestination. Seine Gegner, die Dominikanermönche, hatten diese Lehre mit ihrem Ordens- theologen Thomas von Aquin weitgehend überwunden. Sie glaubten nicht mehr an die völlige Schädigung der Vernunft und des Willens, sondern nur an eine Schwächung dieser menschlichen Potenziale. Luther machte alle seine Lehren nur an der Bibel fest und bekämpfte die Philosophie des Aristoteles und der Stoiker als „Heidentum“. Unter dieses Verdikt fiel auch der Humanist Erasmus. Kulturgeschichtlich fällt Luther damit weit in die Mönchstheologie des frühen Mittelalters (5. Jh.) zurück. Die positive Wirkung erzielte Luther durch seine Rückkehr zum frühen Christen- tum. Aber er folgte dabei nicht dem Verantwortungs- und Handlungschristen- tum des Matthäus (Bergpredigt), sondern allein dem Glaubenschristentum des Paulus von Tarsos. Er wollte ein neues Christentum allein auf der Bibel (sola scriptura) aufbauen und erkannte nicht deren Defizite. Erasmus hingegen wollte eine neue Kultur auf der antiken Philosophie und der Ethik des Neuen Testaments aufbauen. Seine Ideen kamen erst mit der rationalen Aufklärung wieder zum Tragen. Nietzsche hat geschrieben, dass Erasmus der bessere Re- formator gewesen sei. Denn Luther hegte starke Vorurteile gegen die mensch- liche Vernunft und Selbsttätigkeit, da alles die göttliche Gnade wirken sollte. Im Zuge der rationalen Aufklärung wurden diese Lehren aber weitgehend korrigiert, heute werden sie kaum noch verstanden. Luther und die Schweizer Reformatoren Prof. Dr. Harald Seubert In dem Vortrag geht es um die historischen und systematischen Bezüge, die Übereinstimmungen und Differenzen zwischen Luther und den Schweizer Reformatoren. Topoi wie die „Rechtfertigung“, die Unmittelbarkeit zur Schrift und der Gehorsam des christlichen Lebens werden untersucht und rekonstruiert. Luther wollte einerseits die Mündigkeit des Christenmenschen neu gewinnen, andrerseits war er tief in die Debatten des späten Mittelalters um Hölle und Teufel verstrickt. Dabei interessiert in der Sache die Frage, ob und inwieweit die damaligen Streitigkeiten auch in eine philosophisch zu rechtfertigende Vernunftstruktur zu überführen sind. Haben sie einen normativen Überschuss für die Gegenwart oder sind sie einer vergangenen, vielleicht in besonderem Maße Konfessions- kriege, Sophistereien und Zerspaltungen befördernden Epoche verhaftet? Erst im Licht dieser Frage lässt sich begründet untersuchen, ob die Reformation Teil des  ambivalenten  Erbes der Aufklärung ist. Luther und die Reformation im Spiegel der Aufklärung Dr. Volker Mueller Reformation und Aufklärung sind gesellschaftliche und geistig-kulturelle Prozesse, die ihre Epochen und die Folgezeit wesentlich bestimmen. Es ergeben sich vielfältige gesellschaftliche, soziale, politische und kulturelle Verbindungen und Wirkungen von der Reformation auf die Aufklärung. Sie wurden bisher wenig untersucht. Es liegt der Eindruck nahe, dass Martin Luther und die Reformation in der Europäischen Aufklärung kaum reflektiert werden. Luther und die Reformation werden hier in folgenden Zusammenhängen durch die Aufklärung rezipiert: Wirkungen auf freies Denken, Philosophie, Kultur und Wissenschaften, die Entwicklung von Toleranz und Intoleranz in Politik, Religi- on und Weltanschauung sowie gesellschaftliche Implikationen zum Verhältnis von Staat und Kirche und zur gesellschaftspolitischen Bedeutung der Religion.  Die Reformation und die Aufklärung sind heterogen, pluralistisch, in der Grund- tendenz tolerant und stellen den zu seinem Selbstbewusstsein gelangenden Menschen in seiner Subjektivität (in Religion und in seinen individuellen Rech- ten) in den Mittelpunkt der realen Entwicklungen und der Kämpfe um Freiheit. Die Aufklärer, insbesondere die französischen, haben ein kritisches Verhältnis zur Reformation, das sich vor allem aus ihrer bedingungslosen Forderung nach freiem Vernunftgebrauch und nach einer von Glauben und Kirche befreiten Wissenschaft und Philosophie begründet. Aus der deutschen Aufklärung und der Philosophie kommen Immanuel Kant, Friedrich II. von Preußen und Georg Wilhelm Friedrich Hegel zu Wort. Nürnberg, Luther und die Wirtschaftsethik Dr. Gerhard Engel In meinem Vortrag trete ich Martin Luther mit einer konstruktiven Lesart gegenüber. Die Leitfrage lautet: Was hat er zum „Wunder Europa“ (Eric Jones) von politischer Freiheit, wirtschaftlichem Wohlstand und Frieden beigetragen? Dabei lassen sich direkte und indirekte Beiträge unterscheiden: Die direkten Beiträge bestehen aus seinen anlassbezogenen Stellungnahmen und Gutachten zu politischen und wirtschaftlichen Problemen sowie aus seiner produktiven Weiterentwicklung der mittelalterlichen Drei-Stände-Lehre. Die indirekten Beiträge ergeben sich dagegen aus den unbeabsichtigten Konse- quenzen bestimmter Ratschläge und Maximen, die Luther zwar theologisch begründete, die aber durchaus weltliche und historisch wegweisende Aus- wirkungen hatten. Im Mittelpunkt des Vortrages stehen wirtschaftsethische Probleme wie die moralische Bewertung der individuellen Arbeit und das „Zinsverbot“. Hier lässt sich zeigen, dass Luthers Methode, zu moralisch gestützten Politikempfehlungen zu kommen, verblüffend moderne Züge trägt. Luthers Antisemitismus und der NS-Antisemitismus im Vergleich Prof. Dr. Armin Pfahl-Traughber Die Nationalsozialisten  von Hitler bis Streicher  beriefen sich bei der beabsichtigten Legitimation ihres Antisemitismus immer wieder auf den Reformator Martin Luther. Dies kann unterschiedlich eingeschätzt werden: Da Luther primär religiös und die Nationalsozialisten rassistisch argumentierten, scheint es sich eher um eine Instrumentalisierung zu handeln. Gleichwohl forderte Luther all das gegen die Juden, was die Nationalsozialisten bis 1938 auch selbst umsetzten. Wie muss von daher der Antisemitismus des Reforma- tors in Ideologie und Praxis im Vergleich zu dem Antisemitismus der National- sozialisten eingeschätzt werden? Der Vortrag versucht, eine differenzierte Antwort auf diese Frage zu geben. Die Reformation im Lichte eines weltlichen Humanismus Dr. Dr. Joachim Kahl Angelehnt vornehmlich an das Lutherbild Heinrich Heines skizziere ich ein kritisch-positives Verständnis Luthers und seines Lebenswerkes. Was als tief innerlicher Gewissenskonflikt eines Mönches begann - eines ernsthaft Suchen- den, der nach dem gnädigen Gott fragte - führte zu einem welthistorischen Umbruch, dessen Ergebnisse und Folgen bis auf den heutigen Tag präsent sind. Martin Luther, in vielem im Mittelalter verwurzelt, stand mutig auf gegen Kaiser und Papst und brachte der katholischen Kirche eine Niederlage bei, von der sie sich nie erholt hat. In religiöser Gestalt und in religiöser Form unter- minierte er die materielle und spirituelle Stellung der größten Feudalmacht in Europa. Dabei formulierte er bleibende Prinzipien von individueller Freiheit und Gleichheit (allgemeines Priestertum der Getauften und Gläubigen). Sie weisen über sich hinaus und tragen den Keim der Selbstsäkularisation in sich. Ludwig Feuerbach konnte seinen Atheismus aus Luthers Deutung des ersten Gebotes herleiten. In Wittenberg, dem Hauptwirkungsort Luthers, sind heute nur noch weniger als zehn Prozent der Bewohner Mitglieder der evangelischen Kirche.

Tagungsort

Das Symposium findet in Nürnberg im Marmorsaal der „Nürnberger Akademie“ statt (siehe die oberen zwei Fotos links auf dieser Seite). Bei dem Gebäude handelt es sich um das ehemalige Gewerbemuseum, erbaut von 1892 von 1897 im Stil eines repräsentativen neobarocken Schlosses. Das Museum war zugleich handwerkliche und industrielle Bildungsstätte zur Vermittlung der künstleri- schen Gestaltung von Gebrauchsgegenständen - heute würde man „Design“ sagen.

Essen & Trinken

In den beiden Kaffeepausen (11.45 Uhr und 15.45 Uhr) wird es nicht nur Getränke, sondern auch süße und herzhafte Kleinigkeiten zu essen geben. Die Verpflegung in diesen beiden Pausen ist im Teilnahmebeitrag inbegriffen. Das Mittagessen (13.00-14.15 Uhr) nehmen die Teilnehmenden in einer Lokalität ihrer Wahl und auf eigene Kosten ein. Wir empfehlen zum einen den Marientorzwinger (ca. 3 Gehinuten vom Veranstaltungsort entfernt). Dort ist ein Kontingent an Tischen für die Symposiumsteilnehmer reserviert. Zudem besteht am Vormittag des Veranstaltungstages die Möglichkeit der Vorbestellung aus einer Speisenauswahl, damit es am Ende der Pause nicht knapp wird. Ebenfalls empfehlenswert ist zum anderen das Restaurant Heilig-Geist-Spital, das ca. 5 Gehminuten vom Tagungsort reizvoll in der Nürnberger Altstadt liegt (siehe die drei unteren Fotos links auf dieser Seite; Lageplan und Wegbeschrei- bung im PDF ebenda).
Der Weg vom Tagungslokal zum Heilig-Geist-Spital; hier der Lageplan mit Wegbeschreibung als PDF-Download.
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